Ballerina Angela Reinhardt & Solist Lars Scheibner
in einem choreographisch literarischen Kammertanzabend

Tanz.Poesie

wortbegleitet von:
Hans-Dieter Scheibel

 

Mit Ausschnitten meisterhafter Choreographien von Tom Schilling, Jochen Ullrich, Ton Simons und Angela Reinhardt

Eine spannende Begegnung der „stummen“ Poesie des Tanzes mit der Musikalität von Werken meisterhafter Wortchoreographen, wie Goethe, Kleist, Hoffmann, Lessing, Nietzsche, Brentano u.a..

Buch und Regie: MIKE-MARTIN ROBACKI

(mehr infos zu robacki-production)

-ca. 90 min. mit Pause-

 

 

 

Um Mitternacht,
wenn die Menschen erst schlafen,
Auf Wiesen an den Erlen
Wir suchen unsern Raum
Und wandeln und singen
Und tanzen einen Traum.

 Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Sehen Sie Ausschnitte wunderbarer Choreographien, die ihre Poesie und Lebendigkeit einer meisterhaften Symbiose aus Tanz und inhaltlicher Motivation jeder einzelnen Bewegung verdanken. So Ausschnitte aus „Romeo & Julia", „Abendliche Tänze" oder „Match" von Tom Schilling, „Coppelia" von Jochen Ulrich, „Magnificat" von Ton Simons und das Solo von Angela Reinhardt „Spiegel im Spiegel".

Es finden sich in der Literatur, so auch in den zahlreichen Selbstzeugnissen berühmter Tanzschaffender aussagekräftige, poetische Textpassagen, die teilweise vom Schauspieler gesprochen, teilweise über Texttafeln projiziert werden. Es geht um ein Ineinanderfinden von, nennen wir sie, musikalisch anmutenden „Wortchoreographien" mit der musikalisch poetischen Welt des Tanzes.

Erlebbar wird, dass die Welt des Wortes und und die des Tanzes einander inhaltlich nicht nachstehen müssen, vielmehr beweist jedes Genre seine ganz eigene Stärke, Sinn und Sinnlichkeit erlebbar zu machen. Sie zeigen auch, dass das Vorurteil, Wort und Tanz miteinander nicht vereinen zu können, nicht immer gelten muss, sondern mitunter eine neue Dimension des Erlebens beider Künste offenbart.

Ihr Mike-Martin Robacki


Probenfotos

Vorstellungsfotos

 

 

...Denn ich sehe in ihr (der Ballettkunst) nicht nur das Wunder des Rhythmus, die Poesie der Bewegung, die Vollkommenheit bewegten Ausdrucks, sondern mehr. Die ganze Natur tanzt, der Wind, das Meer, die Wolken, die Blätter an den Bäumen und selbst die Sterne auf ihren Bahnen. Unser Blut tanzt durch unsere Adern, und wir tanzen, um für einen Augenblick das Hässliche, das die Menschen mit ihren Elendsquartieren und Schlachtfeldern in die Welt gesetzt haben, zu vergessen und uns an die Schönheit alles Natürlichen zu verlieren.

Tanzt mehr, meine Freunde, doch tragt mehr Schönheit in euer Tanzen, als ihr in eurem Leben habt! Die wahre Tanzkünstlerin, oder wie man sie nennen will, strebt immer nach höherer Schönheit. Lasst uns deshalb eine Welt von Künstlern werden, da wir ja schon eine Welt von Tänzern geworden sind! Denn überall dort, wo Hässliches durch Schönes ersetzt wird, in den unfassbaren Dingen ebenso wie in den sichtbaren, tanzen wir etwas näher an Glück und Vollendung heran ...

Anna Pawlowa / Tanzend durch die Welt

 

Die Stange 

Am Anfang war... die Stange. Füße scharren über dem Boden, es riecht nach Schweiß und Parfüm. Das Klavier hämmert die Zeit in gleichmäßige Takte. Endlose Spiegelräume vervielfachen gnadenlos die kindliche Unvollkommenheit. Aus meiner Kindheit schallen noch immer die gestrengen Kommandos: „1.Position, plie, assamble, streck das Bein, wo ist deine Allüre“ Was für Kinder...  In ihren Augen ein Traum von Schönheit! Stunde um Stunde, Tag um Tag – die Jahre vergehen... 

Die Stange... ein lebenslanges Geländer.

Um ihr glattgeriebenes  Holz klammern sich neue Kinderhände. Derselbe Traum, wieder Schweiß, wieder vergehen Jahre, und wieder sind es wenige, deren Traum stärker war, als die Mühsal des täglichen Eroberns. Schönheit... Das Licht des Scheinwerfers schneidet Inseln aus der Dunkelheit des Theaterraumes. Kein Eiland für viele. Wenige sonnt er in seinem künstlichen Licht. Kein Eiland für immer. Flüchtig ist die Hitze seines Strahles.

Wenn auch der Tänzer das Holz vieler Bühnen mit seinem Schweiß tränkt... Wenn es ihn auch rastlos durch Städte und Länder treibt... Wenn er auch vielen bekannt wird, doch irgendwie immer fremd in der Fremde bleibt... Wenn er auch fern von Familie und Heimat täglich in neue Gesichter blickt... Wenn der Tänzer an der Stange steht...     Ist er zu Hause. Erfolge und Niederlagen, Glückseligkeit und Trauer. Die Stange begleitet ihn, lässt nicht von ihm. Vom Tänzer gehasst und geliebt weicht sie doch nicht von seiner Seite.

Die Stange... ein lebenslanges Geländer.

Ein Ort der Begegnung! In Reih’ und Glied, Hand hinter Hand, Tänzer nach Tänzer. Hier teilt man denselben Traum - hier vervielfachen sich edle Visionen von Schönheit und Vollendung. Hier halten Disziplin und freier Geist sich eng umschlungen und knüpfen unseren Sinnen ein Gespinst verführerischer Illusionen. Ein Spiel nur... Aber, wenn uns dann der Atem aufgeht, das Herz uns freier schlägt und die Träne das Salz aus den Augen wäscht... In diesem Augenblick spüren wir, dass wir lebendig sind.

Tänzer sein... Gefühle sind die Bausteine seiner Realität und Verzauberung ist sein Schlüssel zur Wahrhaftigkeit.

Der Tänzer streicht über das Holz der Stange. Und über die Spitzen seiner Finger hinaus... vollendet ein letzter Ton das flüchtige Gebilde seines Tanzes. Und wie ein Dunst über tagesjungen Frühlingswiesen löst er sich bereits auf und entschwindet in der Tiefe der Zeit und des Vergessens.

Im Dämmerlicht des Abends gähnt der leere Ballettsaal und atmet aus, die Dünste des Tages. Am Ende steht die Stange unverrückt und wartet auf die Träume eines neuen Tages.

Mike-Martin Robacki